Lebensfreude und Wissensdrang

Mit Goethes Faust-Dichtung zeigt sich das neuzeitliche Bewusstsein auf eine beeindruckende und inspirierende Weise. Sie kann zugleich begeistern und betroffen machen. Sie unterhält und belehrt. Sie vermittelt anschaulich psychologische, kulturelle und historische Kenntnisse (und Klischees).

Rembrandt - Faust -
Rembrandt – Faust – Wikimedia Commons

Ein Grund, der Faust als Figur so interessant macht, ist sein Anspruch, auf der Grundlage des eigenen Erkennens zu handeln. Er unterscheidet dabei logisches Denken und erkennende Erfahrung. Erfahrung bedeutet hier, selber einen Weg zu gehen, selber zu sehen, zu tasten, zu schmecken, zu leiden und Erlösung zu erleben. Faust kommt mit seinem Streben an eine Grenze, die er nur durch einen Fluch auf das Bekannte und Vertraute zu überschreiten vermag. Die dafür notwendige Rücksichtslosigkeit ist erschreckend und faszinierend. Sie stellt zugleich deutlich die uns auch heute noch bekannte Frage, ob es nicht andere Wege gibt, um weiter zu kommen. Faust (als Figur der Dichtung) hat keinen anderen Weg gesehen. Er stand am Rande des eigenen Untergangs durch Selbstzerstörung und musste – so hat er wohl empfunden – ausbrechen oder sterben.

Dabei ist Faust kein wilder oder durchgedrehter Mensch, sondern ein Gebildeter, angesehener Mann der Wissenschaft und der praktischen Medizin. Er ist ein Universalgelehrter und verkörpert gewissermassen das Idealbild des Studierten. Die italienische Renaissance steigerte dieses mittelalterliche Idealbild des Gelehrten zum universal gebildeten Menschen. Ein Mensch sollte in allen kulturellen Bereichen Erfahrung und Bildung besitzen. Dazu gehörten nicht nur die Wissenschaft, Religion, Medizin, Astronomie, Mathematik usw, sondern auch die Musik, die Kunst allgemein, die Erotik und andere sinnliche Genüsse, besonders auch das kultivierte Trinken von (erlesenem) Wein. Goethe selber praktizierte diese Art der Persönlichkeitsbildung ziemlich konsequent.

Goethes Faust spürt diesen Drang ebenfalls in sich. Er will ein ganzer Mensch werden, allerdings lebt er nicht im südalpinen, lebensfreundlichen Italien, sondern im nordalpinen kühl-rauhen Germanien. Faust hat sich durch sein intensives Streben nach Wissen und Erkenntnis isoliert. Er kennt niemanden, der wie er Wissenschaft und Lebensfreude zu verbinden sucht. Lebensfreude finden die Menschen um ihn ausserhalb der Wissenschaft oder allein in ihr. Beides zu vereinen ist das Anliegen von Faust. Er fühlt zwei Seelen in seiner Brust. Wobei diese Seelen mehr sind als nur Wissensdrang und Lebenslust. Doch dazu an anderer Stelle mehr.

Goethe oder Faust

In den letzten Wochen, seit meinem Besuch der Gesamtaufführung von Goethes Faust am Goetheanum an Ostern, beschäftigt mich die Frage: Goethe oder Faust.

Goethe (gemalt von Tischbein)
Johann Wolfgang von Goethe (gemalt von Tischbein)

Wenn man wie ich den gesamten Text von Goethes Faust 1 und 2 wieder einmal vollständig anhört und dargestellt sieht, hat man die besondere Gelegenheit, aus einer aktualisierten Überschau, die eigene Sicht auf das Stück und die Figuren neu zu bewerten. Ich habe dabei mit Erstaunen festgestellt, dass ich bisher mit einer gewissen Naivität die grossartigen Texte in dieser Dichtung mit der Figur des Faust irgendwie in einen Topf geworfen habe. Dabei ist es wie in der von Christian Peter so genial inszenierten Himmelfahrt. Am Schluss wie im Stück ist es so, dass die grossartigen Texte den Faust als Person nur umgeben. Er selber spricht eigentlich nicht viel Bedeutsames. Er bringt Weltschmerz, Lebenshunger, Sehnsüchte und konkretes Verlangen zum Ausdruck. Er beschreibt treffend und offen, was ihn bewegt. Er hat Gefühle und geht ihnen nach. Aber die grossartigen Weisheiten geben viel öfter andere Figuren von sich oder werden durch die Komposition verschiedener Stimmen wirksam.

Die Inszenierung, die Christian Peter mit Unterstützung von Margrethe Solstadt und Andrea Pfähler uns vorstellt, zeigt an manchen Stellen, was für ein dynamisches Gewoge der Text erzeugt und wie wenig zum Teil die Charaktere herausgearbeitet sind. Die Personen scheinen oft mehr Sprachrohre für Erfahrungen und Einsichten von Goethe zu sein als eigenständige Figuren. Besonders der zweite Teil hat streckenweise mehr romanhaften Charakter. Die Inszenierung muss daher entsprechend einfallsreich agieren, um dem Textgewebe auch visuell Halt zu geben. Ich betrachte es als eine grossartige Leistung, dass es diese Inszenierung schafft, den Goetheschen Text so zu verlebendigen, dass überall Goethe hindurch scheint und präsent wird.

Für mich ist es so, dass ich in den vielen Jahren der Beschäftigung mit Faust, die Lust an Faust als Charakter verloren habe. Als Figur ist er mir beinahe leer und langweilig geworden. Die Verneinung der sturen Wissenschaft, der Entbehrung und der persönlichen Entfaltung ruft keine Rebellion mehr hervor. Sie ist heutzutage banaler Alltag. Alles strebt nach Glück, Selbstentfaltung und eine persönliche Lebensgestaltung. Damit lockt man keinen Pudel mehr hinter dem Ofen hervor.

Daher fand ich es spannend, dass in den begleitenden Vorträgen an der vergangenen Ostertagung am Goetheanum, die einen Rahmen zu Goethes Faust bot, auch die Frage gestellt wurde, was kommt nun? Es sind beinahe 200 Jahre her, als Goethe visionär und seiner Zeit vorauseilend das thematisierte, was heute Alltag ist. Was ist die Vision für die Menschheit oder Europa in 200 Jahren? Was wird dann Alltag sein? Welche Figuren und Stücke können uns wie Goethes Faust auf die Zukunft vorbereiten helfen? In welchem Bewusstsein zeigt sich etwas, dass uns die nächsten 200 Jahre beschäftigen wird?

Für mich als Liebhaber der Mysteriendramen von Rudolf Steiner liegt sicher in diesen so einiges, was zumindest für mich noch länger ein Thema sein wird. Vielleicht sind diese Texte aber noch zu nahe an Goethe, an seinem Faust, seinem Wilhelm Meister und seinem Märchen (von der grünen Schlange…). Vielleicht braucht es einen noch freieren Blick, der erst bei nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen entstehen kann. Noch habe ich keinen Menschen oder Text entdeckt, der in meinen Augen so etwas leisten kann, wie das, was mir erst vage vorschwebt.

Wenn ich auf Goethes Faust-Dichtung blicke, ist mir inzwischen klar, dass ich viel mehr an den Texten um die Faust-Figur herum gewonnen habe, als an der Figur des Faust selbst. Goethe hat das recht geschickt eingefädelt. Es ist ihm gelungen, über längere Zeit meine Aufmerksamkeit auf die Emotionalität von Faust zu lenken. Denn sie hatte durchaus mit vielem zu tun, was ich in mir als Tendenz wiederfinden konnte. Gleichzeitig hat er diese Emotionalität in einen Rahmen eingebettet, der mir durch meine Offenheit für die Figur sehr viel mehr beigebracht hat, als die Figur selbst. Und er hat mir erlaubt, durch das Miterleben des Weges von Faust, meinen eigenen Weg von der möglichen Notwendigkeit zu befreien, diese Erfahrungen von Verirrung, Missbrauch, die Bindung an falsche Freunde und anderes so voll selbst zu durchlaufen, wie Faust es tun muss. Und selbst wenn mein Leben so tragisch verlaufen würde wie das von Faust, würde mir die Weisheit, die Faust textlich umwebt, doch noch Trost spenden können. Denn der Irrtum scheint mit der Menschwerdung (gegenwärtig) beinahe zwingend einher zu geben. Die Welt erlaubt uns, aus, mit und durch Fehler zu lernen und weiter zu kommen. Einige Voraussetzungen gibt es jedoch: niemals aufgeben, immer weiter gehen, offen die eigenen Fehler erleiden und zu erkennen, dass das eigene Gewissen eine Instanz repräsentiert, die, wenn es erlebt wird, auf etwas verweist, das wesentlicher ist, als unsere Alltagsperson. …

Meine Begeisterung für Faust als Figur hat mit den Jahren deutlich nachgelassen. Meine Wertschätzung für Goethe ist gleichzeitig gewachsen. Ich bin froh, dass ich Faust am Goetheanum gesehen habe und erleben darf. Ein Faustanum wäre mir nicht wirklich geheuer.

Dennoch bleibt mir eine Sehnsucht, ein Streben von Faust auch weiterhin motivierend und ungestillt: die Meisterschaft über das eigene Leben zu erringen (ohne das auf Kosten von anderen tun zu müssen). Goethes Faust endet mit der Andeutung einer höheren Verbindung von Faust und Gretchen. Darin steckt meines Erachtens viel: die Verbindung von Männlich und Weiblich, Jugendlichkeit und Reife, breite Bildung und Einfalt des Herzens … Vor allem sehe ich aber den Keim zu einer Form von Gemeinschaftsbildung. Nicht die Sehnsucht nach einander, sondern das Streben nach höheren gemeinsamen Lebensformen kann uns verbinden. Sie hat immer schon Menschen zusammen geführt. Vielleicht wird das immer noch deutlicher und in einem viel grösseren Umfang passieren als bisher. Unsere aktuelle Gegenwart scheint so eine Entwicklung anzudeuten. Und in einer solchen Bewegung ist Faust kein Vorbild mehr, er wird selbst zu einem Widerstand. Denn seine Art zu streben, hat sich als Irrtum erwiesen.

Ein Unterschied zwischen Philosophie und Anthroposophie

Ein Unterschied zwischen Philosophie und Anthroposophie, der sich mir in letzter Zeit immer wieder aufdrängt, lässt sich leicht aufzeigen. Dabei wird er natürlich nicht vollständig begründet und dargestellt. Ich denke aber, dass das Folgende durchaus anregen kann, wenn jemand darüber nachdenkt.

getragen-werden
Getragen werden

Der edelste Beruf der Philosophie ist: Sagen, was ist. Das hat zum Beispiel Hannah Arendt in ihren Ausführungen zur Philosophie gerne betont.

In den Meditationen von René Descartes waren es vor allem die res cogitans und die res extensa, die für das Denken wichtig sind. Zum einen ist die res cogitans, die Sache, mit der wir denken und zum anderen ist es das wichtigste Mittel des Denkens. Für Descartes war das wichtigste Mittel des Denkens der Zweifel. Ich benenne das wichtigste Mittel oder die Grundlage allen Denken lieber als das Unterscheidungsvermögen. Auf der anderen Seite steht dann, das zu Unterscheidende oder der Gegenstand des Denkens, (res extensa).

Zugleich gibt es eine Dimension der Ontologie in dem Ganzen. Nämlich die Unterscheidung zwischen Sein und Dasein, wie sie unter anderem Martin Heidegger in seinem Werk Sein und Zeit so prägnant untersucht. In der Philosophie ist aber die Untersuchung der Zeit ein schwieriges Ding, weil sie ja nicht feststeht. Und man kann über sie beinahe nur aussagen, dass sie vergänglich ist (im Sinne von: sagen, was ist).

Die zwei wichtigsten Grundlagen der Philosophie sind meines Erachtens – in Anlehnung an Formulierungen von Descartes – zum einen das Unterscheidungsvermögen (res cogitans) und zum anderen die Sachkenntnis (res extensa). Zusammen bilden sie den Sachverstand. Und dieser ist die Grundlage des philosophischen (oder informierten) Urteilens und Bewertens.

Was passiert nun in der Anthroposophie? Die Anthroposophie verlässt diesen ehrenwerten Beruf der Philosophie und damit auch die Grundlage der Naturwissenschaften und fügt einen scheinbar unsicheren Faktor hinzu, der zugleich die Grundlage aller Untersuchungen bildet. Denn zum Sein und Dasein und zu Urteilsvermögen und Sachkenntnis kommt das Werden hinzu. Ähnlich wie Siddharta Gautama (Buddha) baut Rudolf Steiner seine Weltsicht und Untersuchungen auf der Grundlage der Vergänglichkeit auf. Es geht nicht mehr darum, zu sagen, was ist, sondern zu sagen was wird. Und dazu gehört, was vergangen ist und was kommen wird. Solche Anliegen sind für die Philosophie, wie sie hier charakterisiert wurde und die Gegenwart dominiert, praktisch undenkbar. Für die Anthroposophie sind sie aber die zentrale Voraussetzung.

Als Erkenntniskraft kommt daher eine dritte Sache (res) ins Spiel. Ich nenne sie hier mal die res explorans. Es geht dabei um ein Forschen im Dienste der Veränderung. Erforschen und Erfahren, um anders zu werden. Das Erkenntnisverfahren ist dialogisch und fand auch immer schon statt. Denn Urteilsvermögen und Sachkenntnis sind immer schon durch Erfahrung gewachsen und präziser geworden. Was passiert aber, wenn man die res explorans ins Zentrum des Denkens stellt? Dann kommt eine neue Erkenntniskraft hinzu und dominiert das Ganze: die Liebe. Denn meine Suche nach Erfahrungen orientiert sich an dem, was ich liebe. Sie orientiert sich an dem, was mich interessiert. Sie wird geprägt durch das, mit dem ich mich verbinden will, beschäftigen will, an dem ich wachsen will.

Während die Philosophie, wie sie hier charakterisiert wurde, mit Immanuel Kant danach streben kann. das Ding oder die Welt an sich zu untersuchen, kann die Anthroposophie nur an Georg Hegel anknüpfen und die Welt für mich untersuchen. Das schliesst aber nicht aus, dass sie zugleich die Welt für uns untersucht. Nur wird sie sich bewusst sein, dass die Welt sich eben sehr unterschiedlich darstellt, je nachdem wohin einen die eigenen Interessen, Vorlieben und Anliegen blicken lassen und die Erfahrung mitgestalten.

Natürlich entbindet die Anthroposophie die Philosophie nicht von ihren Pflichten. Und ich finde, dass Rudolf Steiner als Person deutlich erkennbar danach gestrebt hat, beide Kompetenzen in sich auszubilden, zu pflegen und weiter zu entwickeln. Er war nicht nur Anthroposoph, sondern auch Philosoph. Aber nur aus der Anthroposophie konnte er eine Bewegungskunst entwickeln, die sich ganz den Prozessen der Zeit widmet: die Eurythmie. Und doch ist auch die Eurythmie eine Verbindung von beiden: Philosophie und Anthroposophie. Denn nicht nur das Werden und die Vergänglichkeit der Bewegung charakterisieren die Eurythmie, sondern auch der Rhythmus. Und tatsächlich erscheinen die Rhythmen als etwas, was zur Zeit gehört und was Zeit gestaltet. Im Ergreifen von Rhythmen in der Bewegungskunst verbinden sich daher Sein und Dasein, Werden und Vergehen, das was ist und das was wird.

Der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie

Der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie lautet: „Leben in der Liebe zum Handeln und leben lassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.“ (Philosophie der Freiheit, Kap. IX). Dieser Satz ist es, der meiner Ansicht nach weit in die Zukunft weist. Denn diese Grundmaxime des freien Menschen ist (zurzeit) alles andere als naturgegeben. In seiner eigenen Einschätzung hat Rudolf Steiner prophezeit, dass seine Philosophie der Freiheit noch rund 1000 Jahre gültig sein wird.

Rudolf Steiner

Viele soziale Spiele gehen nach wie vor um Gewinnen und Verlieren oder um das Finden von Kompromissen. Im Gewinnen und Verlieren kann nur eine Partei die Liebe zum Handeln entfalten, in der Regel auf Kosten von denen, die verlieren Im Kompromiss verzichten alle Betroffenen auf die vollständige Entfaltung ihrer Liebe zum Handeln, weil sich kein Weg gezeigt, wie sich alle gleichzeitig entfalten könnten, ohne in Konflikt mit dem anderen zu geraten.

Zudem sind die Grundbedingungen dieses Kernsatzes keineswegs selbstverständlich. Denn es ist keineswegs immer die Liebe zum Handeln, die unser Verhalten oder unsere Aktionen bestimmen. Es sind auch Not, Trieb, Wut, Angst. Die erste Aufgabe ist also bereits eine rechte Herausforderung: Leben in der Liebe zum Handeln. Die andere Herausforderung ist vielleicht noch grösser: leben lassen im Verständnis des fremden Wollens. Denn es ist ja schon sehr schwer, ein wirkliches Verständnis des eigenen Wollens zu bilden und herauszufiltern, was das eigen Wollen motiviert. Denn unser Entstehen als individuelle soziale Wesen erfordert, dass wir in unserer Kindheit und Jugend zunächst einmal viel fremdes Wollen verinnerlichen. So zumindest funktioniert oft unsere Erziehung. Sie fordert dann, dass wir das fremde Wollen als unser eigenes Akzeptieren. Und das ist eine schwerwiegende Behinderung in der Entfaltung des eigenen Wollens und auch von der Herausbildung eines Verständnis des eigenen wie des fremden Wollens.

Es erscheint mir daher erforderlich, dass der Kernsatz von Rudolf Steiners Moralphilosophie tatsächlich etwas ist, was andere kulturelle Voraussetzungen verlangt, um gemeinsam ergriffen werden zu können. Es braucht eine Kultur, die nicht auf Dominanz setzt, sondern auf Reifung und Erfahrung sowie auf Unterscheidung und Offenheit. Reifung und Erfahrung könnten die Maximen der Bildungsarbeit sein. Der Mensch ist nicht allein ein Instinktwesen, sondern mehr als andere biologische Lebensformen auf das Lernen angewiesen. Reifung und Erfahrung brauchen also Lernvoraussetzungen. Ich denke, daran arbeiten die modernen Gesellschaften seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts bereits recht ordentlich. Die andere Voraussetzung ist mehr eine Bewusstseinsfrage. Denn Unterscheidung sollte nicht zur Abwertung oder Aussonderung führen, sondern zur Klarheit von Grenzen und Möglichkeiten. Zugleich braucht es die Offenheit, nicht nur für das andere, sondern auch dafür, sich selber immer besser und durch das Verständnis, das man für andere entwickelt, auch sich selber neu, besser und anders verstehen zu lernen.

Auf meinem bescheidenen Weg des Übens und Erprobens des Umgangs mit diesem Kernsatz habe ich bemerkt, dass man zwar die Angst vor dem Versagen, vor dem Behindertwerden in der eigenen Entfaltung und vor dem allzu Fremden (und vieles andere) nicht leicht und ohne weiteres los wird. Es bildet sich aber mehr und mehr eine neue Form der Selbstsicherheit aus, die Rudolf Steiner in seinen Vier Mysteriendramen als Wesenssicherheit nennt (Vgl. Johannes Thomasius, (Pforte der Einweihung, Achtes Bild). Diese Wesenssicherheit scheint mir eine Voraussetzung zu sein, auf der Die Grundmaxime des freien Menschen sich überhaupt erst entfalten kann.

Eine Aufführung der Vier Mysteriendramen am Goetheanum ist für Weihnachten 2016 geplant. Ich finde, es lohnt sich in diese Dramen anschauend einzutauchen.

Anthroposophie eng und weit

Wenn ich an die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie denke, denke ich sie immer eng und weit. Vielleicht reicht das nicht aus, dient mir aber zur Orientierung.

2te Goetheanum von Westen

2te Goetheanum von Westen

Anthroposophie ist eine Wortschöpfung, die als Ergänzung zur Philosophie gebildet wurde. Das hat Rudolf Steiner meines erachtens deutlich gemacht, indem er zum Beispiel seinen Verlag philosophisch-anthroposophisch nannte. Ein anderer Begriff, den Rudolf Steiner verwendet hat, ist Geisteswissenschaft. Dieser Begriff öffnet einen weiten Horizont an akademischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen und Tätigkeiten. Zudem gibt es drei Schritte der Anthroposophie Rudolf Steiners: Wissenschaft, Kunst und Religion. Wobei Religion (unter anderem) als gesellschaftlich gemeinschaftliche Praxis zu verstehen ist.

Anthroposophie im engeren Sinne bezieht sich auf das Werk Rudolf Steiners und die direkt daran anknüpfenden Arbeiten, Arbeitsweisen und Institutionen. Daneben gibt es die Anthroposophie als Wesen. Diese Anthroposophie ist etwas, auf das Rudolf Steiner sich bezogen hat. Im Hinblick auf diese Anthroposophie ist Rudolf Steiner nur ein, wenn auch wesentlicher Anthroposoph. Das denke ich so, dass zum Beispiel Aristoteles, Platon, Hegel, Kant, Adorno und Sartre wichtige Philosophen waren, sie haben aber nicht die Philosophie verwirklicht und jeder einzelne ist kein vollständiger Repräsentant der Philosophie. Sie alle beziehen sich jedoch auf eine Praxis, die vor Sokrates bestand, die aber durch Sokrates neu geformt wurde.

So sehe ich auch Rudolf Steiners Tätigkeit. Er ist ein Sokrates, der bestehende Praktiken neu gefasst hat. Es wird also Zeit, die Anthroposophie weiter zu denken und nicht auf Rudolf Steiner zu beschränken. Anthroposophie im weiteren Sinne ist etwas, das bereits nicht nur vor Rudolf Steiner vorhanden war, sondern auch zeitgleich zu Rudolf Steiner an anderen Orten verwirklicht wurde. Selbstverständlich lebt Anthroposophie auch nach Rudolf Steiner in anderen Menschen. Ein Kennzeichen der Anthroposophie ist das Bewusstsein, dass man sich anthroposophisch betätigt. So wie Philosophie ja auch nicht einfach so passiert, sondern dann, wenn man sich philosophierend betätigt.

Das zentrale Problem ist, dass anthroposophieren so ein weites Feld umschreibt. Es ist nicht nur eine bestimmte Haltung und Art zu denken. Und auch das Philosophieren lässt sich ja schon nicht leicht fassen. Ich denke aber, dass diese Schwierigkeit uns nicht daran hindern darf, Anthroposophie auch weiter zu denken. Ein Ansatz für mich ist, alle diese Begriffe beiseite zu lassen und einen anderen anzuschauen, den Rudolf Steiner ebenfalls einsetzte: Initiation oder Einweihung. Anthroposophie könnte demnach als eine Initiationswissenschaft, Initiationskunst und Initiationskultus betrachtet werden. Damit gewinnen wir eine Voraussetzung, die oben noch nicht vorlag: die Initiation. Die Grundlage der Initiation ist die Geistesschulung oder der Schulungsweg. Ohne Schulungsweg keine Anthroposophie.

Schauen wir auf die Schulung und den Schulungsweg, dann finden wir, dass Rudolf Steiner zwar auch eigene Wege beschreibt, wie Schulung aufgebaut werden kann. Zugleich bezieht er sich aber auch auf andere Initiationstraditionen. Anthroposophie im weiteren Sinne ist die Beschäftigung mit heute wirksamen, lebendigen und für das allgemein Menschlichen sinnvolle und hilfreiche Initiationspraktiken, die zukunftsfähig sind. Hier öffnet sich ein eigenes Untersuchungsfeld. Und es eröffnet sich ein Beziehungsfeld, wie es Rudolf Steiner in den Vorträgen zur Weihnachtstagung charakterisiert hat. Denn Die Schulung in Anthroposophie sucht man vor allem dann, wenn man in früheren Leben bereits in Mysterien- oder Initiationszusammenhängen gelebt hat.

Anthroposophie im weiteren Sinne ist für mich (vorläufig) die bewusste schulungsorientierte und individuell motivierte Beschäftigung mit aktuell wirksamen Initiationsstraditionen im Hinblick auf das allgemein Menschliche und mit Bezug auf die durch Rudolf Steiner erarbeiteten Grundlagen.

 

Heute vor 29 Jahren

Heute vor 29 Jahren habe ich zum ersten Mal das Goetheanum besucht. Ich hatte mich damals für eine Ausbildung in Malerei und Anthroposophie interessiert. Ich war auf Einladung von Frau Elisabeth Wagner Koch zum Trimesterabschluss der Malschule am Goetheanum nach Dornach gereist. Eigentlich interessierte ich mich für die Ausbildung von Hans Hermann. Doch war diese Schule leider bereits geschlossen worden.

Das zweite Goetheanum von Süden
Das 2te Goetheanum von Süden

Es war eine interessante Begegnung, vor allem mit Menschen. Ich habe bei diesem ersten Besuch in Dornach einen meiner wichtigsten Freunde gefunden. Mit der Malereiausbildung von Gerald Wagner konnte ich mich nicht wirklich anfreunden. Dennoch packte ich – zurück in Hamburg – meine Sachen und zog vorläufig nach Dornach, um weiter mit den neu gefunden Freunden zu sein und um mich mit den Anregungen von Rudolf Steiner zu befassen.

Meine erste formale Ausbildung wurde dann das Einführungsjahr des Lehrerseminars. Zugleich stieg ich in die Studienarbeit der Jugend-Sektion ein. Dieser erste Besuch vor 29 Jahren hat nachhaltig mein Leben geändert.

Es war sehr schön, diesen Abend in der Rudolf Steiner Halde zu verbringen und der emeritierten Virginia Sease zuzuhören. Sie hat anlässlich des 91. Todestages von Rudolf Steiner über die Kraft der Anerkennung gesprochen. In ihrer weit greifenden Betrachtung hat sie drei Schritte der Anerkennung beleuchtet: Andacht (Hingabe und Liebe), Anerkennung (der Leistung des anderen), Kontinuität (Verbundenheit und Weiterführen). Es war ein berührender Abend voller Erinnerungen an eine reiche Zeit und ein hoffnungsvoller Ausblick in die weitere Beschäftigung mit dem Wesen des Menschen und den Anregungen von Rudolf Steiner.

Gretchen als moderne junge Frau

Persönlich finde ich, dass Gretchen in Goethes Faust Tragödie, die Züge einer modernen jungen Frau trägt. Was meine ich damit? Nun, zunächst einmal ist ja aus dem Text von Goethe nicht wirklich viel völlig klar, was das Gretchen betrifft. Wir wissen dennoch einiges über sie, das zusammen genommen doch ein Bild ergeben kann. Wir wissen, dass sie eine kränkliche, strenge aber immerhin lebendige Mutter hat, mit der sie in einem Haus wohnt. Wir wissen auch, dass sie einen Bruder hat, der wohl während der Hauptereignisse als Soldat unterwegs ist. Sie hatte auch eine kleine Schwester, die sie gepflegt hat, die aber gestorben ist. Ebenfalls gestorben ist ihr Vater. Dieser hat der kleinen Familie ein bescheidenes Vermögen hinterlassen, das der Familie anscheinend eine gewisse Unabhängigkeit schafft, sie aber nicht völlig von der Erwerbsarbeit befreit hat. Gretchen bewegt sich durch ihre Lebensunterschiede, also aus Notwendigkeit, bereits sehr selbstständig und durch ihre gewissenhaft gelebte Verantwortung gereift in ihrer Umgebung. Sie ist selbständig geworden und bis zu einem gewissen Grad selbstbestimmt.

Gretchen in der Kirche
Gretchen in der Kirche (gemeinfrei)

Sie findet keinen Halt in ihrer Mutter oder dem Rest der Familie (von dem wir kaum etwas erfahren). Sie sucht Orientierung bei der Nachbarin der Familie, die sie als eine Art Ersatz-Mutter behandelt. Und sie sucht Unterstützung durch den Kirchgang und ganz besonders in einer religiösen Hinwendung zur Mutter Maria. Die Art ihrer religiösen Praxis scheint vor allem durch das Pflegen der katholischen Sakramente und durch das Gebet zu Mutter Maria geprägt. Es scheint aber nicht durch ein aktives soziales Leben getragen zu sein.

Modern erscheint mir Gretchen daher unter anderem durch folgende Punkte:

  • Sie lebt in einer dysfunktionalen Familienstruktur.
  • Sie lebt ohne eine tragfähige, dauerhaft ausgerichtete soziale Einbindung.
  • Sie lebt relativ anonym in einer städtischen Gesellschaft.
  • Sie lebt ohne verlässliche Einbindung in ein vertrauenswürdiges externes Wertesystem.
  • Sie lebt auf der Basis einer individualisierten Religion oder Spiritualität.

Als wir Gretchen kennen lernen, befindet sie sich nahe dem heiratsfähigen Alter. Das zeigt unter anderem das Gespräch am Brunnen. Dieses Gespräch offenbart, dass in ihrem Freundeskreis die Themen (voreheliche) sexuelle Beziehungen und Heirat Hochkonjunktur haben. Gretchen zeigt hier auch, dass sie ihre vorgängig angenommene Haltung in Bezug auf die im Umfeld der Gleichaltrigen allgemein sanktionierte und dennoch verbreitete Praxis vorehelicher Sexualbeziehungen revidiert hat. Dazu haben natürlich ihre Erfahrungen mit Faust beigetragen.

Aus meiner Sichtweise ergibt sich, dass Gretchen durch ihre Lebensumstände und eine durch Krieg geprägte, verunsicherte Gesellschaft, eine beschleunigte Individualisierung durchmacht. Diese wird durch eine frühe Übernahme von Verantwortung und die frühe Konfrontation mit Krankheit und Tod im engsten Familienkreis geprägt. Diese Individualisierung wird durch die Umstände – konkret durch das sich Verlieben in Faust – auch in das Gebiet der engen persönlichen Beziehungen ausgedehnt und umfasst zudem das Gebiet der Sexualität.

Was sich im Faust von Goethe aus dem Umständen und – im Kontext der Tragödie – nicht ganz zeitgemäss zu ergeben scheint, ist für die meisten jungen Frauen der Gegenwart eine aktuelle kulturelle Anforderung zur Ausbildung einer selbständigen Persönlichkeit. Gretchen ist für mich daher wie Faust eine Gestalt, die eine frühe Form der Individualisierung und selbstständigen Lebensführung in allen Bereichen darstellt. Goethe thematisiert daher in seiner Faust Tragödie nicht nur eine männliche Perspektive auf die Entwicklungsdramatik der Individualisierung, sondern im Gretchen auch eine weibliche Perspektive. Diese ist allerdings nicht so vordergründig und nicht ganz gleichwertig angelegt. In ihren Grundzügen halte ich sie allerdings ebenfalls für eine starke Darstellung bestimmter Aspekte einer immer noch aktuellen Entwicklungsdramatik.

Wissenschaft und Weisheit

Wissenschaft entsteht durch Studium und Experiment, Weisheit durch Denken und Erfahrung. Das eine schliesst das andere nicht aus, beide ergänzen sich vielmehr. Weisheitswissenschaften sind experimentelle Formen der Erfahrungsgewinnung durch Meditation, Alchemie oder Körperbeherrschung.

Goethes Faust kommt mit seinem Streben nach Erkenntnis dessen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“,  an eine Grenze, die er – in seinen Worten – mit Magie zu überschreiten versucht. Er will nicht einfach Metaphysik als Theorie studieren, sondern will theoretische Metaphysik mit Erfahrung verbinden. Dazu nutzt er symbolische Bilder als Meditationsgrundlage und hat sich offenbar auch in alchemistischen Experimenten (zusammen mit seinem Vater) versucht. Zugleich beherrscht er einige Sprüche (oder Mantren) der Gegenbeschwörung zur Abwehr schwarzer Magie.

Goethes Faust ist uns so nah, weil er lebensfreudig und persönlich alles anpackt, was ihn bewegt. Bloss theoretisches Wissen allein kann ihn nicht befriedigen. Denn grau mein Freund ist alle Theorie und am farbigen Abglanz haben wir das Leben. Erfahrunsgwissenschaft im Sinne von Goethes Faust muss also farbig sein und – wir würden heute vielleicht sagen – in 3D.

In den Anfangsszenen von Goethes Dichtung lernen wir Faust kennen, wie er mit Hilfe von einem Buch (des Nostradamus) danach strebt, auf systematische und kontrollierte Weise neue Erfahrungen zu machen, um sich mit höheren Wesen zu beratschlagen. Es gelingt ihm dabei, den Erdgeist in einer Erscheinung zu erfassen. Er hört und erlebt den Erdgeist in einem Gesicht, also in einer wachbewussten Vision, die wie ein transluzentes Hologram vor ihm im Raum erscheint. Und offenbar kann der Erdgeist auch den Faust hören oder erleben, denn er reagiert auf dessen falsches Selbstbild und macht Faust deutlich, dass sein Konzept der Wirklichkeit nicht ausreicht, um sich mit ihm, dem Erdgeist, auf eine Stufe zu stellen. Diese interaktive Erfahrung fordert Faust heraus, sein Weltbild zu korrigieren. Gleichzeitig belebt ihn die Begegnung mit diesem tätigen Geist dazu, in die eigene Lebensgestaltung (wieder) aktiver einzugreifen. Unbewusst scheint sich in ihm die Einsicht gebildet zu haben, dass er sich selber in allen seinen Dimensionen besser kennen lernen und zum Ausdruck bringen muss, um vor dem Erdgeist bestehen zu können. Er weiss zunächst nicht wie. Daher ergreift er froh und wagemutig, die Erscheinung von Mephisto, um diesen an sich zu binden.

Im ganzen Drama kommt es zu keiner neuen Begegnung mit dem Erdgeist. Statt eine Bindung mit diesem geht  Faust eine Verbindung mit Mephisto ein. Dieserstammt nicht aus dem Kreise der Leben schaffenden und Leben gestaltenden Engelwesen, vielmehr ist er ein Repräsentant der Geister die Verneinen. Und damit wird deutlich, das Faust selber, das weitere Streben nach Begegnungen mit dem Erdgeist bis an sein Ende verneinen wird. Denn er bindet sich für den Rest seinen Lebens eben gerade an diese verneinende Kraft. Er kehrt sich also (zunächst) von seinem alten Ziel ab, zu erkennen, was die Welt im innersten zusammenhält. Er interessiert sich (scheinbar) nicht mehr für Wirkenskraft und Samen. Vielmehr möchte er Erfahrungen machen, die ihm ermöglichen sollen, mehr darüber zu lernen, wer er selber ist und was es heisst, ein Mensch zu sein. Er wird aber auch auf eine wissenschaftliche Auswertung seiner Erfahrung verzichten. Er verliert die Kraft der gewissenhaften Reflektion fasst ganz und lässt sich weitgehend durch Mephisto steuern. Damit wird er zu einem negativ Beispiel, das zeigt, wohin das blosse verneinen führen kann, oder wohin es gerade nicht hinführt. Denn Faust findet im Leben viele Erfahrungen aber keine Erfüllung. Zuerst ging er den Weg der Wissenschaft, dann sucht er nach Weisheit. Doch er scheitert sehr schnell an einem falschen Selbstkonzept. Um vorwärts zu kommen, muss er erst besser kennen lernen, was ihn zum Menschen macht. Was ihm bleibt ist der Schatz seiner Erfahrungen. Und an diesen nehmen wir als Lesende oder Zuschauende teil. Dabei profitieren wir auch von dem unglaublich breiten und nicht nur literarischen Erfahrungsschatz der Person und des Menschen Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).

Durch seine Verbindung mit Gretchen und Helena arbeitet er an seinem psychisches Gleichgewicht (im Sinne von Animus und Anima oder Yin und Yang). Diese Arbeit bewahrt ihn davor, zum Zeitpunkt seines Todes Mephisto in die Hände zu fallen. Vielmehr werden die weiblichen Kräfte als Ausdruck der Leben schaffenden und erhaltenden Mächte im Universum zu einem Sinnbild der Weiterentwicklung und Evolution nicht nur der Gestalt, sondern auch des individuellen geistigen Selbst.

Rudolf Steiner als Coach

Rudolf Steiner (1861-1925) konnte für mich nicht persönlich als Coach wirken. So geht es korrekter um eine Art Selbstcoaching mithilfe von Rudolf Steiner. Zur Untersützung dieses Selbstcoachings dienen mir Schriften, Kunstwerke und Menschen, die selber den Anregungen von Rudolf Steiner folgten oder folgen.

Ich hatte das grosse Glück, dass mich mein Interesse an den Arbeiten von diesem Mann mit Menschen zusammengeführt hat, die Rudolf Steiner persönlich kannten. Meine wichtigste Begegnung war dabei die Freundschaft mit Friedrich Hiebel (1903-1989). Ich konnte sein letztes Lebensjahr mit ihm zusammen verbringen und vieles von seinen Erfahrungen mit Rudolf Steiner persönlich erfahren. Hiebel war Teilnehmer diverser Veranstaltungen mit Rudolf Steiner und wurde bereits als Jugendlicher sein persönlicher Schüler. Unter anderem verdankte Hiebel den Übungen, die ihm Steiner gab, die Überwindung seines jugendlichen Stotterns. Hiebel war Teilnehmer der sogenannten Weihnachtstagung und wurde in den 1960er Jahren Vorstand der Freien Hochschule  und Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am Goetheanum.

In diesem kurzen Beitrag möchte ich nicht viel mehr, als einen Eindruck korrigieren, der aus der Übersicht der von mir aktuell verfügbaren Beiträge entstehen kann. Denn zurzeit bin ich weniger mit den Werken Rudolf Steiners direkt befasst, als vielmehr mit Werken und Traditionen, die in Indien entstanden sind. Dabei beschäftigen mit vor allem die Traditionen von Shankara und Gautama Buddha sowie Padmasambhava und Milarepa.

Ich verfolge in diesen Studien und der aktiven Auseinandersetzung mit diesen Traditionen den Weg weiter, auf den ich durch Rudolf Steiner gestossen bin. Nachdem ich mich über viele Jahre mit Studien zum Werk und zu den Übungen von Rudolf Steiner befasst hatte,  wurde die Ausdehnung meiner Studien für mich zwingend. Parallel zu meinen Studien zu Rudolf Steiner hatte ich zunächst christliche Traditionen studiert und mich mit der Mystik des Abendlands befasst. Dabei führte mich insbesondere die Beschäftigung mit den Kreuzzügen zu interessanten Einsichten in die Geschichte des Kirchenbaus. Vor allem die Erfindung der Kathedralbauten führte mich weiter in Richtung Osten.

Rudolf Steiner selber nutzte für seine Goethanumbauten Konzepte, die auf den antiken Tempelbau in Jerusalem zurück gingen. In der Anthroposophie Rudolf Steiner laufen überhaupt verschiedene kulturelle Traditionen zusammen. Diese nannte der in Strömungsphysik bewanderte Steiner auch Mysterienströmungen. Denn Steiner dachte dynamisch und interessierte sich weniger für konkrete Artefakte als für lebendige, heute noch nutzbare Gestaltungsgrundlagen.

Ich habe mir erlaubt, das Werk und die Traditionen der Arbeit von Rudolf Steiner immer wieder darauf zu befragen, wie sie mich bei meinen persönlichen Anliegen unterstützen können. Und dabei ging es selbstverständlich um verschiedene Anliegen und keineswegs um alle. In erster Linie ging es einmal um mein Interesse nach einem tieferen Verständnis der Wirklichkeit. Meine naturwissenschaftlich orientierte Gymnasialbildung konnte mir viele Fragen und Erfahrungen nicht erklären. Am wenigsten galt das für Erfahrungen im Zusammenhang mit einer Nahtodeserfahrung, die ich mit 19 Jahren bei einem lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock machte.

In Rudolf Steiners Arbeiten fand ich zunächst eine Grundhaltung und Grundstimmung wieder, die meiner eigenen grundsätzlich sehr ähnlich ist. Ich erlebte schon bei der ersten Begegnung mit dem Werk Rudolf Steiners eine konkrete Geistesverwandtschaft. Und diese Erfahrung half und hilft mir über die Abgründe, die sich durch die ganz unterschiedliche Zeitsituation und oft auch den Gebrauch der deutschen Sprache ergeben.

Meine erste konkrete Begegnung mit dem Werk von Rudolf Steiner war das Lesen der „Vier Mysteriendramen„. Diese wurden mir zu einem zentralen Studienbuch. Denn sie sind auf vielfältige Weise sehr konkrete Darstellungen im Hinblick auf biografische und spirituelle Lebensthemen. Zudem sind sie eine Art künstlerisch gefasste, umfassende Menschenkunde und Psychologie von Erwachsenen, die sich um die Ausgestaltung ihrer mentalen Kräfte in einem sozialen, europäisch geprägten Kontext kümmern. Natürlich sind die Darstellungen Zeit und Kontext gebunden. Sie bleiben aber relativ leicht in die Gegenwart zu übersetzen.

Der zentrale Anknüpfungspunkt in den Dramen sind Natur- und Geschichtswissenschaft sowie die Tradition der Rosenkreuzer. Letztere haben bei Steiner – meiner Auffassung nach – einen primär aufgeklärten, reformatorischen Grundzug, der allerdings das Rituelle und Symbolische als Wissens- und Informationsträger miteinbezieht. Zudem sind die Symbole von Rose und Kreuz ein Hinweis auf die Offenheit zu östlichen, persisch-indischen Einflüssen. Zudem erscheint mir die Betonung von spiritueller Entwicklung in offenen aber durchaus sozialen Zusammenhängen als zentraler Ausdruck der Einwirkung der christlichen Botschaft der Nächstenliebe auf die älteren Traditionen der Mystik. Denn in den Vier Mysteriendramen wird Gemeinschaft auf der Grundlage von Freundschaft als einer Form der Philia gelebt.

Rudolf Steiner als Coach zu begreifen bedeutet für mich, innerlich einen Raum zu betreten, in dem ich als Mensch mit meiner Situation angenommen bin und mir eine Haltung von kreativer Offenheit entgegen gebracht wird. Der Coach ist weniger ein Dozent oder ein Vermittler von Vorschriften als jemand, der einem dabei hilft, die eigenen Werte und Ziele (wieder) zu finden. Er ist ein in der Regel temporärer und situativ aktiver Begleiter für den eigenen Lebensweg. Er kann ein stabiler Bezugspunkt und eine Art Leuchtturm sein. Denn die Begegnung mit einem Coach vermittelt oft auch Orientierung.

Bei der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen meiner Biografie und gerade auch bei der Vertiefung meiner Interessen für das Spirituelle ist mir die Sensibilisierung für Qualitäten, die ich in der Beschäftigung mit Rudolf Steiner erworben habe, immer wieder eine grosse Hilfe. Ohne das indirekte Coaching durch Rudolf Steiner und ohne die Rückzugsmöglichkeit in die von ihm geschaffene Reflexionswerkstatt wäre ich an den Fragen auf diesem Weg mehr als einmal gescheitert.

Durch Rudolf Steiner habe ich entscheidende Anregungen erhalten. Sie zu entwickeln war dabei ganz mir überlassen. Indem ich Rudolf Steiner selber als Mensch in der Auseinandersetzung und keineswegs als am Ende seiner eigenen Entwicklung angekommen betrachte und erlebe, laufe ich nicht Gefahr, einzelne Äusserungen als absolut zu begreifen. Vielmehr verstehe ich viele seiner Formulierungen als Provokationen oder auch Konfrontationen, die zum eigenen Denken und Überprüfen von Einstellungen anregen sollen.

In meinen akademischen Studien habe ich insbesondere von Umberto Eco gelernt, dass die Interpretation von Texten und Werken etwas schwieriges ist. Denn der Lesende ist immer ein Mitgestalter des Gelesenen (vgl. Umberto Eco: Lector in fabula).

Rudolf Steiner ist für mich weniger ein Weisheitsverkünder als vielmehr ein Coach, der anbietet, das man sich in seiner Werkstatt auf eine neue Art mit der Wirklichkeit befasst. Er bietet an, Denkmuster und Paradigmen zu hinterfragen und andere kulturelle Informationen mit zu berücksichtigen. Er arbeitet dabei mit Provokationen und Konfrontationen, die selber Positionen behaupten, die als ewig und überall geltende Erkenntnisse einer näheren Prüfung oft nicht standhalten. Wir leben jedoch nicht in einer Zeit, die das von irgendeiner Wissenschaft oder irgendeinem Denken überhaupt erwartet oder erwarten kann. Vielleicht sehnen wir uns danach, vielleicht haben wir Hoffnung darauf. Und vielleicht gibt es auch wirklich so etwas wie Gewissheit.

Vielleicht bleibt am Ende aber nur eine einzige Gewissheit. Und das könnte die Gewissheit sein, die Moses in der Wüste gefunden hat: Ich bin der ich bin. Denn in allen Lebenssituationen können wir diese Gewissheit finden. Alles andere aber ist im Fluss. Doch das Fliessen selber unterliegt Bedingungen, die wir immer wieder vergegenwärtigen, hinterfragen und teilweise auch mitgestalten können.

Alle andere Arten der Erkenntnis bleiben situativ und perspektivisch gebunden. Und um im Leben zurecht zu kommen, brauchen wir immer wieder neue aber auch bewährte und weiterhin gültige Methoden, Techniken und Grundhaltungen.

Rudolf Steiner hat für mich Räume geöffnet, in denen ich meinen Blick auf mein Leben und auf das Leben überhaupt weiten und beleben kann. Er hat mir gezeigt, dass das Leben und ich selber keineswegs nur mechanisch oder programmatisch zu begreifen sind. Ich begreife seine Arbeit daher als Ausdruck eines dynamischen Denkens und Handelns. Und die Begegnung mit seinen Arbeiten bedeutet für mich sowohl Innehalten als auch Dynamisierung.

Ob Steiner mit dem Begriff des Coachs für mich selber oder überhaupt umfassend gefasst werden kann, ist für mich hier nicht die Frage. Klar ist mir aber, dass mein Begreifen von Rudolf Steiner als Coach mir mehr hilft, sein Werk für mich zu nutzen, als andere Einstellungen ihm gegenüber. Und persönlich bin ich sehr dankbar, dass ich sein Werk kennen gelernt habe und viele seiner Anregungen in meinem Leben erproben, verwerfen oder integrieren kann.

Friedrich Hiebel – eine wichtige Begegnung

Einer meiner Lehrer und Freunde war Prof. Dr. Friedrich Hiebel (1903-1989), persönlicher Schüler von Rudolf Steiner, langjähriger Leiter der Wochenschrift Das Goetheanum und Vorstand der Allgemeinen Anthroposohischen Gesellschaft am Goetheanum in Dornach.

Von Herbst 1988 bis Herbst 1989 verbrachte ich ein sehr angeregtes und unvergessliches Jahr als Gast in seinem Haus in Dornach. Nicht nur haben wir regelmässig praktisch alle seine Tätigkeiten als aktiver Vorstand am Goetheanum besprochen, sondern auch an Werken Rudolf Steiners gearbeitet . Zudem hat er mit mir seine persönlichen Erfahrungen im Umgang mit dem von ihm sehr bewunderten aber auch ganz menschlich erlebten Rudolf Steiner besprochen, den er sehr jung kennen lernte. Als Rudolf Steiner 1925 starb war Friedrich Hiebel erst 22. So alt wie ich als ich zum ersten Mal nach Dornach kam. Er aber hatte in diesem Alter schon 6 Jahre wertvolle Anregungen, Übungen und Aufgaben von diesem besonderen Menschen erhalten.

Friedrich Hiebel hat mir – sinngemäss – zwei Sätze gesagt, bei denen er betonte, ich solle sie nie vergessen.

1. Den richtigen Umgang mit Anthroposophie erkennt man an sich selbst und anderen daran, dass sie einem hilft, in jeder Hinsicht gesünder, authentischer und realistischer zu werden.

2. Rudolf Steiner hat sich nie selbst kopiert.

Daraus habe ich für mich zwei Lehren gezogen:

A. Achte auf deine Krankheit, denn sie ist dein Lehrer.

B. Wenn ich mir Rudolf Steiner zum Vorbild nehme, dann heisst das, dass ich weder ihn noch mich jemals kopiere, sondern immer neu begreife und weiter entwickle.

Friedrich Hiebel – Autorenfoto

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